Liebe Verwandte, Freunde, Bekannte und Wohtäter unserer Gemeinschaft, liebe Andachtsgemeinde,
während wir in den Sommermonaten mehr die Blumenpracht der Gärten bewundern, schenken wir im Herbst den Nutzgärten mehr Aufmerksamkeit. Als Christen haben wir das Bedürfnis, Gott für den Ertrag zu danken. Wir feiern das Erntedankfest. Gärten haben den Menschen in Notzeiten das Überleben gesichert, in den warmen Monaten durch frische Ernte, in den kalten Monaten durch das konservierte Obst und Gemüse, das in den Kellern wie in einer Schatzkammer aufbewahrt wurde. Ich erinnere mich noch gut an den Keller meiner Großmutter. Es war ein Fest für uns Kinder, wenn wir uns zu einer Mehlspeise ein Glas eingeweckte Birnen aus dem Keller holen durften.
Der Leipziger Orthopäde Moritz Schreber (1808-61) wollte Spielplätze für Kinder anlegen, damit sie mehr Bewegung bekämen. Am Rande sollten Beete für die Kinder sein, die sie selbst bebauen durften. Aber schließlich übernahmen Erwachsene die Pflege dieser Beete. Der „Schrebergarten“ war geboren, eine Parzelle zur Erholung im Grünen und zum Anbau von Eigenbedarf. Vorläufer des Schrebergartens waren die sog. Armengärten, die auf Grundstücken von Kirchgemeinden in Schleswig Holstein angelegt wurden.
In der Bibel spielt nicht nur der paradiesische Garten eine Rolle, auch der Nutzgarten mit seinen Erträgen wird hervorgehoben. Wir erfahren sogar einige Gemüsearten und Kräuter, die angebaut wurden.
Als die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten auf der Wüstenwanderung mit dem eintönigen Manna unzufrieden geworden waren, schwebten ihnen wie in einer Fata Morgana nicht nur die „Fleischtöpfe Ägyptens“, sondern auch die Gemüsesorten vor, die sie dort gegessen hatten. Sie klagten: „Wir denken…an die Gurken und Melonen, an den Lauch, an die Zwiebeln und den Knoblauch. Doch jetzt vertrocknet uns die Kehle. Wir bekommen nichts zu sehen als nur Manna“ (4 Mose 11,5).
Im Jahr 587 v. Chr. zerstörte der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem und führte den König, die Oberschicht des Landes und die Handwerker weg in die Babylonische Gefangenschaft. Der Prophet Jeremia, der um die gleiche Zeit lebte, rät den Verschleppten im Namen Gottes, sich im fremden Land einzugewöhnen. Er empfiehlt ihnen: „Baut Häuser und wohnt darin. Pflanzt Gärten und esst ihre Frucht“ (Jer 29,5).
Als die Stämme Israels nicht mehr mit ihren Kleinviehherden umherzogen, sondern sesshaft geworden waren und Felder und Gärten bebauten, feierten sie mehrmals im Jahr ein Erntedankfest, je nachdem welche Frucht gerade geerntet worden war. Es war ihnen ein großes Bedürfnis, Gott für die „Früchte des Landes“ zu danken. Bei einem Erntedankfest gab es einen bestimmten Ritus: die Erstlingsfrüchte wurden in einen Korb gelegt und vor dem Altar abgestellt. Dabei wurde dieses Gebet gesprochen: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer (5 Mose 26,5)…Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Früchte des Landes, das du mir gegeben hast, Herr“ (5 Mose 26,10). Und weiter lautet die Anweisung: „Wenn du den Korb vor den Herrn, deinen Gott, gestellt hast, sollst du dich vor dem Herrn niederwerfen. Dann sollst du fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Herr, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat“ (5 Mose 10+11).
Große Dankbarkeit für die Ernte empfindet der Prophet Joel, wenn er schreibt: „Die Tennen sind voll von Getreide, die Keltern fließen über von Öl und Wein. Ihr werdet essen und satt werden und den Namen des Herrn eures Gottes preisen, der für euch solche Wunder getan hat“ (Joel 2, 24+26). Dankbare Ehrfurcht vor den Erträgen des Landes fühlen gläubige Juden noch heute: sie sprechen ein Dankgebet, bevor sie etwas verzehren. Auch Jesus hielt es so. Beim letzten Abendmahl dankte er zuerst für das Brot und den Wein, bevor er beides austeilte.
Der Ausdruck „Früchte des Landes“ fasst alles zusammen, was in den Gärten, auf den Feldern und in den Weinbergen wuchs. Essbare Pflanzen waren Trauben, Feigen, Oliven, Datteln, Granatäpfel, Mandeln, Bohnen, Linsen, Kichererbsen, Gerste, Weizen und Kräuter. Unter den Bäumen, die Früchte trugen, fanden der Feigenbaum und der Olivenbaum besondere Aufmerksamkeit.
Jesus war sehr naturverbunden. Er vergleicht den Menschen mit einem Baum, von dem erwartet wird, dass er gute Früchte bringt: „Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte trägt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte hervorbringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten. Von den Disteln pflückt man keine Feigen, und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil in seinem Herzen Gutes ist. Ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist“ (Lk 6,43-45).
Einen überragenden Platz nimmt in Jesu Verkündigung der Weinstock ein. Im Abendmahlsaal spricht er von sich im Bild des Weinstocks, aus dessen Saft und Kraft wir als die Reben wachsen: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5).
Erstaunlich ist, dass Jesus, der doch Handwerker war, auch Kräuter kannte. Beim Evangelisten Matthäus ist uns ein Gespräch Jesu mit den Pharisäern überliefert. Er möchte, dass sie die Ausübung ihrer Religion nicht zur Schau stellen, auch nicht durch pflichtgemäße Opfergaben. Er wirft ihnen vor: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler. Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue“ (Mt 23,23+24).
Auch wenn wir nicht mehr in einer landwirtschaftlich geprägten Kultur leben, steht es uns gut an, Gott demütig für die „Früchte des Landes“ zu danken. Klimaveränderungen und ihre Herausforderungen machen es uns wieder neu bewusst, wie kostbar und zerbrechlich die Erde ist, die uns ernährt.
Dir, Herr, sei Dank und Ehre! Du ordnest wunderbar
den Lauf und Schmuck der Erde von neuem jedes Jahr.
Alles schöpft sein Leben aus deiner milden Hand,
die Gedeihn gegeben, gesegnet unser Land.
(GL Nr. 830)
Freundliche Tage und ein dankbares Herz wünscht Ihnen Frau Eva Nees